Banjhakateri im September 2015

5.30 Uhr. Welch ein Sonnenaufgang! Ich liebe diese Stimmung und den Blick ins Tal. Alles ist ruhig und der Tag kann beginnen. Noch ist das Tal durch Wolken verdeckt. Sie sehen aus wie eine große Wattedecke, die jemand über das Tal gelegt hat, als wolle er die Menschen einfach nur beschützen. Die Sonne steigt jetzt etwas höher, das Licht verändert sich, schiebt die Watte fast unsichtbar auseinander und gibt den Blick nach Tamghas frei. Welch ein Schauspiel! Die Natur stellt sich fantastisch dar. Unser Gesundheitszentrum steht an genau dem richtigen Platz, von der Sonne beschienen, mit guten Energien erfüllt. Hier lässt es sich leben und arbeiten.

Um 6 Uhr ist es dann schon vorbei mit der Ruhe. Die ersten Patienten kommen, um sich eine Nummer zu holen, damit sie ab 9 Uhr untersucht werden können. Diese Patienten mussten wir gestern fortschicken, denn mehr als 65 Patienten pro Tag können wir nicht behandeln. Sie haben dann irgendwo in Banjhakateri einen Platz zum Schlafen gefunden. Am Tag vorher konnten wir 7 wartende Personen in unserem Krankenzimmer unterbringen, die letzte Nacht war das Krankenzimmer allerdings von wirklich Kranken belegt. Die Menschen schaffen es jedoch immer noch irgendwo einen Platz zu finden. Viele von ihnen kommen von weit her, manchmal laufen sie 10 Stunden, um zu uns zu gelangen. Im Moment ist es nicht so kalt, dafür feucht und nass. Die Regenzeit will nicht enden.

Wenn ich die Entwicklung sehe, die unsere Arbeit und unsere Lebensumstände hier seit 2011 genommen haben, dann kann ich nur staunen. So viele  Menschen haben ihren Anteil daran, dass ich mich dafür einfach nur bedanken kann bei den vielen Spender in Deutschland, der Schweiz und Liechtenstein, den Menschen aus Deutschland, die ehrenamtlich aktiv in Nepal tätig wurden, den Freunden, die uns in Deutschland bekannt machen... die Aufzählung könnte fortgesetzt werden. Besonders stolz bin ich auf unser nepalesisches Team, das vor Ort die Fahne hochhält und unermüdlich tätig ist, trotz all der widrigen Umstände des täglichen Lebens in Kathmandu und Banjhakateri, besonders nach dem Erdbeben im April. Nur durch unsere gemeinsamen Anstrengungen sind diese Arbeit und der Erfolg möglich geworden.

Um 9 Uhr beginnt die Arbeit.  Bis jetzt sind schon 48 Nummern vergeben, die ersten Patienten warten vor dem Untersuchungsraum, das heißt, sie warten schon drei Stunden. Durch die gute Organisation geht alles ruhig zu, von draußen hört man lebhafte Unterhaltungen und Kinder spielen. Man kann nun den Raum betreten ohne sich den Kopf zu stoßen, wie früher in der kleinen Lehmhütte. Es ist der erste Arbeitstag für mich in dem neuen Zentrum. Welch ein Unterschied zu den Vorjahren! Alles ist sauber, man kann sich ohne Probleme die Hände waschen, das diagnostische Spektrum ist mit dem Ultraschallgerät erweitert worden. Unsere Mitarbeiter sind hoch motiviert und wirken schon recht routiniert.

So gelingt es uns die Patienten gut zu untersuchen und sie vernünftig zu versorgen. Vor allem die schwangeren Frauen sind dankbar eine Ultraschalluntersuchung zu bekommen. Können wir ihnen mitteilen, dass alles in Ordnung ist, belohnt uns ein dankbares Lächeln. Immer wieder kommen Patienten mit Untersuchungsberichten von diversen Ärzten und bitten um eine Meinung meinerseits. Das Vertrauen in uns scheint sehr groß zu sein. Gelegentlich müssen wir Patienten zu weiterführenden Untersuchungen schicken. Diese Untersuchungen kosten Geld, was häufig nicht vorhanden ist. Auch hier können wir dank unserer Spender helfen.

Plötzlich steht Dhani Ram in der Tür und lädt zum Mittagessen ein. Es ist tatsächlich schon 14 Uhr. Dhani hat ein leckeres Dhal Bhat gekocht. Reis mit Linsensuppe und einem Gemüsecurry. An unserem großen Tisch sitzen jetzt 10 Personen.

Die Pause dauert nicht lang, denn von unserem Fenster aus sehen wir die wartenden Menschen. Nicht jeder Kommende ist wirklich sehr krank. Es gibt chronische Erkrankungen des Bewegungsapparates, die der schweren Arbeit auf den Feldern geschuldet ist. Da kann man nur symptomatisch behandeln. Vor allem der Anteil der Frauen an diesen Erkrankungen ist groß. Sie tragen die Hauptlast der täglichen Arbeit und sind zudem häufig schwanger. Ihnen zu helfen tut auch uns gut. Ansonsten entspricht das Krankheitsspektrum häufig dem bei uns. Oft sehen wir Schnittwunden, verursacht durch eine kleine Sichel, die jedes Kind ab dem 12 Lebensjahr zum Grasschneiden bekommt. Ich sah gerade einen kleinen Jungen, der von einer Schlange gebissen wurde. Der Biss ist sehr schmerzhaft, lebensgefährlich verletzt ist er aber nicht.

Die Zeit vergeht weiterhin wie im Flug. Chandrika bringt plötzlich den letzten Patienten ins Behandlungszimmer. Das war Patient Nummer 70. Erst jetzt merke ich, wie anstrengend die Arbeit für uns alle war. Die Anspannung fällt ab und weicht der Müdigkeit.

Jetzt kommt die Arbeit für Dhani Ram und Sita. Sie putzen die Räumlichkeiten und machen Ordnung. Ich vertrete mir die Beine und laufe um das Haus. Dabei sammle ich die Tüten und den Müll auf, den die Patienten hinterlassen haben. Es ist nicht allzu viel, aber es nervt. Überall stehen Mülltonnen, einige Patienten scheinen diese aber nicht zu bemerken. Da müssen wir weiterhin unsere Aufklärungsarbeit leisten.

Um 18 Uhr wird es dunkel, unser gemütlicher Aufenthaltsraum lädt zum Ausruhen ein. Das Abendessen steht um 20 Uhr auf dem Tisch. Wir können im Team noch einige Dinge besprechen, zu denen wir tagsüber nicht gekommen sind. Zu lange darf es allerdings nicht dauern, denn irgendwann muss auch mal Schluss sein. Um 21 Uhr ziehen sich alle zurück, spätestens 30 Minuten später kann man uns schlafen hören. Ich glaube, wir sind alle zufrieden, zumindest kann ich das von mir behaupten. 

Florian und Maren Gottesleben aus dem Wendland sind inzwischen hier eingetroffen. Florian ist Arzt, Maren Physiotherapeutin. Mittlerweile kommen mehr als 100 Patienten pro Tag. Deshalb haben wir 2 Teams gebildet, um nicht alle Patienten auf den nächsten Tag vertrösten zu müssen. Krishna, unser Manager, hilft mir als Übersetzer und Bishnu arbeitet mit Florian zusammen. Die physiotherapeutische Arbeit von Maren wird super angenommen. Es ist toll, wie die Rücken- und Gelenksteifen auf ihre Behandlung reagieren. Sie hat auch Bishnu sehr helfen können, der nach seinem Unfall immer noch ein Handicap beim Laufen hat.

Die Qualität unserer Arbeit hat sich mittlerweile herumgesprochen. Der Patientenstrom reißt nicht ab. Medikamente mussten bereits schnell nachbestellt werden. Wir werden sehen, wie es weitergehen wird. Bis Ende Dezember 2015 wird das Zentrum ständig mit einem deutschen Arzt/einer deutschen Ärztin besetzt sein.

 

Ich muss mich immer wieder bei Ihnen allen bedanken. Ohne Ihre großzügige Hilfe und der hervorragenden Leistung unseres Teams in Nepal wäre all das nicht möglich.

 

Dhanyabad

 

Klaus Eckert